Monatsarchiv: April 2014

Verlogene Volksverhetzer

31.08.10

Wenn mal wieder
Die schweigende Mehrheit
Als Argument aus dem Sack geholt wird.

Und ihre hässliche Nachgeburt
„das wird man doch mal sagen dürfen“
Gleich mit.

Nur um wirres Zeug
In eh schon wirre Köpfe
Zu verpflanzen.

Dann wird es Zeit zu entgegnen
Denen, die sich brüllend und keifend
Auf die schweigende Mehrheit berufen,
was man dieser eigentlich nicht sagen muss:
Halt deine verdammte Fresse, hergottnocheinmal!

*

**

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Mehr Farbe, Vielfalt und Abwechslung

…bei den Links und in der Rolle da rechts (und überhaupt!). Schliesslich ist ja auch Frühling. Denke ich mir immer wieder. So quasitechnische Überlegungen machen sich besonders gut, wenn man eigentlich dabei sein sollte, sich den Kopf über die inhaltliche Ausrichtung zu zerbrechen. Aber das nur nebenbei.

Also: Zu Recht hatte tikerscherk vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass in Blogs zwar dieses und jenes steht, aber selten was zur Erotik. Natürlich gibt es da Ausnahmen (und vielleicht ja höchstwahrscheinlich auch eine komplette, unerschlossene Welt), deshalb gehört sunflower22a eigentlich schon längst in die Blogroll. Auch, weil sie immer wieder überrascht. Und wo wir schon dabei sind, gleich die volle Link-Breitseite zum Thema: Eine weitere mir ziemlich unbekannte Welt wurde dank eines Beitrags bei kleinedrei gerade etwas aufgehellt: BDSM. Wie es der Zufall wollte, las ich kurz vorher eine komplett andere Perspektive auf die Sache, was sie um so interessanter, weil anscheinend noch um einiges vielschichtiger, macht.

Eines meiner Vorhaben habe ich in der letzten Zeit ja fast eingehalten: Politik spielt hier oberflächlich kaum noch eine Rolle. Wenn, dann ist das Politische auf das Private, auf das Kleine, runtergebrochen. Natürlich juckt er mir ab und an in den Fingern, der große Rundumschlag, das Ewiggleiche. Und ab und an muss das natürlich auch sein. Aber es ist eben ein trauriges, ewiggleiches Sisyphos-Geschäft. Die Trottel werden immer da sein. Umso wichtiger ist differenzierter, guter Journalismus. Und schon wieder muss ich dazu auf einen Text aus dem Schweizer Das Magazin-Blog verweisen. Das macht glatt die schlimmen Tatorte wieder wett. Doch auch in den Onlineversionen deutscher Holzmedien – Berliner zumal – findet man den einen oder anderen guten Beitrag. Selten – das mag aber auch daran liegen, dass ich da selten reinschaue.

Ebenfalls zum wiederholten Male setzte ich mir bookmark-Sternchen bei Frau Haessy, die oft schöne Texte schreibt – deswegen landet die jetzt auch da rechts. Und wo wir schon mal dabei sind: Dort in der Leiste ist die Politik ja durchaus erlaubt. Also rein mit Kritik und Kunst. Rein mit che, der da eigentlich schon immer war, hatte ich nur kurz vergessen. Rein mit den Punkgebeten, auch oder gerade weil man sich dort gar nicht so wirklich klar über die Richtung ist. Und die Brücke von der Politik zur Poesie schlägt Klaus Baum, für dessen Platz in der Randleiste dasselbe gilt wie für che. Dank seines Hinweises kam mir Schlingensief wieder in den Kopf, und zusammen mit ihm ein geschätzter ehemaliger Kollege (bis zum Genossen hat es dann doch nicht gereicht), der einfach auch gut schreibt und fotografiert.

Der Vielfalt und der Realität angemessen ist es eigentlich auch längst, englischsprachige Berlin-Blogs in die Rolle aufzunehmen (Wer weiss, wieviel großartige spanische oder russische Blogs zu Berlin man so verpasst…?). Was hiermit geschieht: Durch einen Kommentar von pethan35 stiess ich auf Kreuzberg’d. Was ich bisher dort sah und las, hat mir sehr gut gefallen, deshalb rein in die Leiste. Eine weitere englischsprachige Seite zum Thema, die dort ebenfalls reinkommt, ist gleichzeitig Ersatz für ein anderes Blog in der Blogroll, das wohl leider erst mal brach liegt.

Weiter geht es (wiedermal) in der Sparte Literatur oder was Sie gerne dafür halten wollen. Mit Volker Strübing bin ich in meinen frühen Berliner Jahren im Grunde genommen groß geworden, und ausserdem habe ich ihn ja auch schon ein paar Mal verlinkt, vollkommen zu recht natürlich. Und wo Volker Strübing ist, da ist Ahne manchmal nicht weit, das war in oben angesprochener Zeit schon so. Wieso also nicht auch in der Blogroll, nicht zuletzt wegen kleiner Preziosen wie diesem Text hier. In der Kategorie lohnt es auch, auf Kaminer hinzuweisen, der zu seinen Texten oft sehr passende Bilder findet. Glumm sowieso, der sitzt in meinem Kopfkino längst zusammen mit Fauser und Fallada auf einer Leitersprosse und lässt dort die Beine baumeln. Apropos, diese Chance kann ich mir eigentlich nicht entgehen lassen: Candy Bukowski – die genauso in die Blogroll wandert wie rocknroulette – scheint den Termin für meinen nächsten Hamburg-Besuch gesetzt zu haben…

Dass ich viel zu wenig Glumm lese, stellte ich fest, als ich von seiner Bekanntschaft zu Airen erfuhr. (Den Text hab ich schon mal verlinkt; wir wollen es mal nicht übertreiben damit…). Ich muss gestehen, dass ich keine Ahnung habe, was er derzeit macht, habe aber vor einiger Zeit einen interessanten Artikel von ihm bei spon entdeckt (obwohl spon  eigentlich schon weit jenseits der Vielfalt-Schmerzgrenze liegt). Da nehme ich gleich die Gelegenheit wahr und mache noch kurz einen Abstecher Richtung Geschichte, auch zur Wiedergutmachung: Michael Schmalenstroer hatte ich vorher auch schon in der Blogroll, wenn ich mich recht erinnere, und da gehört er auch hin. Ein letzter Hinweis aus diesem Genre noch, nicht zuletzt weil zwei Personen daran beteiligt sind, die ich mehr und weniger kenne.

Fauser darf nie zu kurz kommen, sagte ich ja bereits. Aber ich kann die Blogroll auch nicht nur mit Schriftstellern zupacken, leider: die Vielfalt fordert ihren Tribut. Zu einem Bekannten Fausers (den er in Rohstoff verewigte & in dessen Archiv ich mal ausführlich stöbern durfte – der HU-EE sei dank, ich sprach es schonmal kurz an) gab es gerade ein großartiges … sagen wir mal Requiem bei den Ruhrbaronen.

Last but not least werden das Begleitschreiben und der Kiezschreiber (dem der Underdog kiezneurotiker unlängst vollkommen zutreffend einen Lauf bescheinigte) in die Blogroll aufgenommen. Ansonsten: FernwehHeimweh.

Wie dem auch sei, so ganz genau hab auch ich den Kurs immer noch nicht raus, auf dem dieses Experiment hier weiter segeln soll. Aber Experiment sagt es eigentlich: Ich werde wohl etwas mehr rumprobieren; für die einen ist es der Salon, für mich gerade eher die Spielwiese. Oder der Hobbykeller mit Drechselbank. Dazu fällt mir glatt eine Geschichte aus der dunklen Vergangenheit ein…

Zum Schluss, weil der Sommer bestimmt kommt und der erste Mai vor der Tür steht: Die Ohrbooten. Ein guter Freund sagte unlängst: Naja, kann man schon mal hören. Aber die Texte sind eigentlich echt nicht so dolle. Wie es aussieht, fährt dieser gute Freund demnächst in Sachen Musik nach Brasilien, wo ein paar clevere deutsche Gute-Laune-Reggaebands die Fussballfans abgreifen wollen, oder so ähnlich. Sowieso: Ein Festival in Brasilien! FTW, wie man hier so sagt. Aber das ist auch wieder eine andere Geschichte. Ohrbooten also (haarscharf vorbei an der Gotteslästerung, und eben – es ist ja auch bald 1. Mai…) :

 

 

[Inzwischen ist dieser Beitrag 5 Tage im Entwurfsordner, es ist Sonntagabend und ich habe schon wieder genau abgezählte 54 offene Tabs, die allesamt toll sind. Was ist nur aus dem heiligen Tag der Ruhe geworden. Aber eben: auch ziemlich toll, dieses Internet. Eine weitere kontextlose Information: Wie ich bemerkte, hatte ich gar keine Suchfunktion. Wie unpraktisch!]

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Weiter geht’s…

… mit den Pausenbildern. Bei dem letzten Umzug fiel mir aus einer dunklen Schublade meine uralte Spiegelreflexkamera in die Hände, die ich mal für ein paar Westmark in den 90ern auf einem Flohmarkt irgendwo im Prenzlauer Berg gekauft habe. Voll analog also, ich passe mich langsam den Hipstern in meiner Umgebung an. Nachdem ich herausgefunden hatte, dass Drogerien immer noch Filme entwickeln (lassen) und es dort auch noch welche zu kaufen gibt, machte ich mich ans Werk. Erst wurde – wie ich dann später feststellte – der seit sieben Jahren in der Kamera lagernde Filme nochmal belichtet, entwickelt und sich über das Ergebnis belustigt, dann nahm ich das Gerät mit auf meinen Hamburg-Besuch. Deshalb gibt es nun  ein paar Hamburg-Symbolfotos (bis auf eine trotzdem sehr hanseatische Ausnahme), analog und unbearbeitet, bis auf die Größen- bzw. Formatanpassung.

Kleine Anekdote am Rande: Meine Mutter überraschte mich gestern doppelt: Ich schickte ihr eine SMS, dass sie eine bestimmte Mail, die vorgeblich von GMX kam, gleich löschen sollte. Ihre Antwort: „Schon längst erledigt, auf sowas fall ich schon lange nicht mehr rein.“ Ich staunte und war ein wenig stolz auf sie. Als ich dann die Kamera rausholte und allen die obige Geschichte erzählte und etwas rumfotografierte, fragte sie allerdings: „Die Bilder kann man jetzt aber noch nicht irgendwo sehen, oder?“

Nein, Mama, kann man nicht. Auch wenn auf der Rückseite des Apparates, in der Mitte der Klappe, wohinter sich der Film versteckt, etwas ist, das fast wie ein kleiner Vorschau-Monitor aussieht, auf den ersten Blick. Nur handelt es sich dabei schlicht und einfach um eine Vorrichtung, in die man ein Stück der Filmverpackungspappe reinschieben kann, um immer zu wissen, wieviele Bilder auf dem Film waren und welche ISO er hat. Good ol‘ times…  Man muss also wirklich den Film abgeben und ein paar Tage warten. Und dann scannen, scannen, scannen… Es macht trotzdem Spass, damit rumzuspielen. Dass diese ganze Sache eher spielerischen Charakter hat, sieht man den Bildern dann wohl auch an. Voila:

hh2 hh3 hh4 hh5 hh12 hh15 hh19 ankerklause3 frühstück

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Pausenbilder

[Hier ist erst mal Pause. Wie lange kann ich grad nicht sagen. Wahrscheinlich nicht so lange. Aber was sagen schon Wahrscheinlichkeiten.]

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Ufonavi

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Kreuzberg bleibt krass, das Bild bleibt schief.

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Ist das jetzt ein „d“ oder ein „p“?

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Gabel, Löffel, Pfanne

Es regnete. Verdammt viel und schon verdammt lange. Dabei war das hier doch mal mein kleines, perfektes Paradies. Für eine Nacht. Und jetzt regnete es! Wir fuhren den sich durch die Berge schlängelnden Weg entlang. Mussten aufpassen, dass wir mit unserem Citi Golf hier draußen in der Wildnis nicht steckenblieben: der Begriff Straße ist bei dieser Witterung nicht mehr aufrecht zu erhalten. Es ging von einem Gebirgskamm runter in die Lagune, über das, was der Regen aus einer unbefestigten Sandpiste macht.

Zwischendurch hielten wir kurz an, einerseits weil uns ein Truck entgegenkam, und unmöglich zwei Fahrzeuge gleichzeitig die anderthalb schlammigen Spuren passieren konnten. Andererseits, weil man von dieser Ausweichbucht – das wusste ich noch von meinem letzten Besuch – einen unbeschreiblich schönen Blick auf die Lagune und den urwaldhaften Bewuchs des Tales hatte. Damals. Jetzt sah man nur graue Regenschleier, und direkt vor der Nase eine grüne Mauer aus Blättern und Ästen. Der Regen machte einen Riesenlärm auf dem Blattwerk, und von der Lagune sah man regennebelbedingt kein Stück.

Als wir unten ankamen, war nichts mehr da von dem puderzuckerartigem Sand, der indische Ozean war nicht wie gewohnt blauglänzend. Über dem Matsch, der mal Strand war, lag nicht wie sonst der leichte, salzige Dunst, der sich durch das lange Auslaufen der warmen Wellen bildete, sondern ein grauer Vorhang, genauso grau wie sich der Ozean heute gab. Die riesigen Schieferbrocken, die aus dem Wasser ragten, hoben sich jetzt nicht mehr mattschwarz hervor, sondern versanken im grauen Einheitsbrei.

Das fing ja schon mal scheisse an. Da konnte ich auch nicht mehr damit punkten, dass der Backpacker, in dem ich unsere Übernachtung geplant hatte, einen ziemlich netten Pool hatte. Dort angekommen, wieder über moddrige Wege, die dem Leihwagen alles abverlangten, merkte ich, dass Einsamkeit je nach Wetterlage bewertet werden kann: Strahlt die Sonne, ist eine abseits gelegene Unterkunft mit Pool und Affengebrüll aus dem benachbarten Wald zum Sonnenuntergang sehr schön. Wenn es allerdings wie jetzt regnet, dann ist nicht nur der Himmel grau, sondern auch die Gesichter der Backpacker-Angestellten. Es waren andere als im letzten Jahr. Wir bekamen für viel weniger Geld viel mehr Raum. Nicht ein Zimmer, sondern ein ganzes Häuschen, mit eigener Küche und Bad. Doch was bringt das, wenn das Wetter schlecht ist?

Wir waren fast die einzigen Gäste. Drei Bungalows weiter verbrachte eine einheimische Familie ihren Urlaub. Scheinbar schon länger, und scheinbar war das Wetter hier auch schon länger so. Denn ihre Laune liess sich sehr gut mit der eines Durchschnittsehepaares in der dritten Urlaubswoche an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste vergleichen – die Spiele sind alle durchgespielt, die Bücher zerfleddert und die Klamotten so durchnässt, das man beim besten Willen keine Fahrradtour mehr machen konnte. Und die Kinder brüllten.

Als uns dann auf Nachfrage mitgeteilt wurde, dass aus verständlichen, kapazitätstechnischen Gründen – mehr Kapazitäten da, als genutzt werden konnten – die Bar heute Abend nicht aufmachen würde, wurden wir ratlos. Es gelang uns, zwei Sixpacks aus dem Kühlschrank käuflich zu erwerben. Aber es war erst 3 Uhr nachmittags. Als um zehn nach vier von dem ersten Sixpack nur noch die Papphülle übrig war, die man in besseren Zeiten als Krone verwendet hätte, war uns klar, dass wir ein Problem bekommen würden. Schätzungsweise um zwanzig nach fünf.

Also setzten wir uns in den geschundenen Citi Golf und schlitterten die 20 Kilometer zurück zur Fernverkehrsstrasse. Jetzt machte sich die Abgelegenheit wieder schmerzlich bemerkbar. Wir dachten, dass wir an der Abzweigung einen Liquor-Store gesehen hätten. Als wir dort ankamen, sahen wir zwar auch ein Castle-Werbeschild, aber über dem verrammelten Laden hing eine Tafel mit der Aufschrift „Nursery“. Das konnten wir uns nun gar nicht zusammenreimen. Mit den uns eigenen Sprachkenntnissen kamen wir nur auf Krankenschwester. Eine Schwesternschule, finanziert durch Bierreklame? Die Laune stieg bei dieser Überlegung, auch weil wir auf der Suche nach einem Wörterbuch im Handschuhfach noch ein paar Batzen schon längst verloren geglaubtes Gras wiederfanden.

Beim Eintreffen auf dem Hof unserer Herberge hatte sich die Farbe des Autos von schmutzig weiss endgültig in gleichmäßig rotbraun verwandelt.Wir klopften die Angestellten aus ihren Schlechtwetter-Fernsehcouches und verlangten nach mehr Bier. Sie gaben uns noch zwei Sixpacks, meinten dann aber, dass dies das letzte für heute wäre, da sie nachher nicht mehr da wären. Kein Problem für uns!

Baumschule. Nursery heißt Baumschule. Das erklärte zwar immer noch nicht, warum drüber eine Bierreklame hing, war aber moralisch nicht mehr ganz so bedenklich. Wir wechselten uns mit dem Rollen ab. Es regnete immer noch, und es machte nicht den Anschein, als ob sich das mittelfristig ändern würde. Nach einiger Zeit, inzwischen verschwand das monotone Trommeln der Tropfen im Subtext der anderen kosmischen Geräusche, hatten wir alle Ecken unseres Bungalows gründlich untersucht. Es gab hier wirklich nichts, was dem kurzweiligen Zeitvertreib dienen könnte. Nicht mal ein Jenga-Spiel. Und das Bier wurde trotz bedächtig-sparsamen Verzehrs auch wieder knapp. Das Gras zum Glück nicht.

Wir saßen unter dem Vordach auf der Miniterasse und fingen an, uns zu langweilen. Dann fiel, wie in dieser geographischen Lage so üblich, die Sonne plötzlich vom Himmel. Wir diskutierten darüber, wie man korrekterweise das Wort Dämmerung in die lokalen Sprachen übersetzen würde, denn so etwas gibt’s hier ja nicht, und was es nicht gibt, dafür wird es ja auch logischerweise kein natives Wort geben.

Da wir im Dunkeln den Regen nicht sahen wurden wir mutiger und entschlossen uns, das Wagnis aufzunehmen und zum Kühlschrank in der offen zugänglichen Bar zu pilgern, um zu schauen ob dort nachts Selbstbedienung herrscht. Oder ob Mr. Leathermen uns den Weg zur Selbstbedienung öffnen könnte. Das letzte Sixpack hatte sich gerade verabschiedet, doch verhalf es uns immerhin noch zu guter Laune und Unternehmungslust. Schließlich waren wir jetzt so weit, dass wir mit Sixpack-Papp-Kronen durch den Regen liefen.

Die Bar, im Sonnenschein bestimmt schön anzuschauen und aus Wurzelholz selbstgeschnitzt – als ich das letzte mal hier weilte, war sie gerade halbfertig – war wie erwartet offen, der Kühlschrank wie erwartet verschlossen. Und vollkommen unerwartet hatten wir Mr. Leatherman an diesem Scheißstrand bei dem Scheißwetter scheinbar verloren. Mist! Ohne ihn konnten wir das Thema Bier für heute Abend vergessen. Zusammen mit unserer Laune knickten auch die Bierkronen dank des Regens ein.

Wieder zurück in dem Bungalow, vorbei an dem immer noch keifenden Ehepaar, die in ihrer Wohneinheit stritten während die Kinder draußen im Regen mit ihren Koffern vor dem Auto warteten, erkannten wir mit Schrecken, dass uns als einziges Getränk parmalat-Milch zu Verfügung stand.

Nach zwei intensiven Stunden des abwechselnden Genusses von Milch und Gras stieg unsere Stimmung wieder. Wir hatten die Langeweile beim Kragen gepackt und aus dem Haus geschmissen, indem wir mit der dürftigen Bungalow-Ausstattung ein Spiel entwickelten. Die Küche war ziemlich komplett ausgerüstet. Und es gab im Wohnbereich zwei sehr bequeme Ledersessel. Jeder nahm sich eine Gabel, einen Löffel und eine Pfanne. Dann kramten wir je sieben Münzen aus dem Portemonnaie. In den Sesseln versunken, die Utensilien auf den sehr breiten Armlehnen abgelegt, konnte das Spiel beginnen.

Wir stellten in drei Metern Entfernung nahe der Außenwand einen flachen Teller auf den Boden. Dort mussten möglichst alle sieben Geldstücke landen, und zwar pro Durchgang jeweils zweimal mit jedem Wurfgerät – Gabel, Löffel, Pfanne – befördert. Der letzte Versuch konnte mit dem Gerät der Wahl durchgeführt werden. Auf alle Fälle aber musste man im Sessel sitzen bleiben. Das allerdings war für den Zustand, in dem wir waren, keine wirkliche Herausforderung.

Nachdem wir innerhalb von 90 Minuten unser Zielvermögen optimiert hatten und auch genau wussten, wie das Geldstück des Gegners wieder aus dem Teller herausgeschossen werden konnte, verfeinerten wir die Regeln dahingehend, dass das Geldstück, bevor es im Teller landet, die angrenzende Wand berühren musste. Das brachte uns noch mal zwei Stunden äußerste Kurzweiligkeit. Und als wir dann schließlich auch jeden Trick bei jedem Wurfgerät beherrschten, war es spät genug, um ohne Bedenken und Rechtfertigungen ins Bett zu fallen.

Am nächsten Morgen, als wir schon kurz nach dem Frühstück in allerwärmster Umschmeichelung der Sonne am herrlichen menschenleeren Strand der Lagune lagen, schworen wir uns, nie jemandem von diesem peinlichen, wenn auch sehr amüsanten Spiel zu erzählen. Manchmal, wenn ich alleine zu Hause bin und der Regen an die Fenster schlägt, dann trainiere ich heimlich. Zur Motivation habe ich mir die Punkteliste über den Schreibtisch gepinnt.

(2002)

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Gedanken. Gedenken.

Als ich vor Jahren mit einiger Verspätung hier in der Blogwelt ankam, gab es recht schnell ein paar Blogs, die mich eine ganze Weile begleiteten. Einige wenige davon tun das noch immer. Mal ist es der Inhalt, die Perspektive oder der Stil, die einen verweilen und wiederkommen lassen, mal die Person dahinter. Blogs und die dazugehörige Sphäre sind jedenfalls mehr, als der „Printmarkt“ je bieten konnte. Im besten Falle – und im schlechtesten auch – können sich hier verschworene Gemeinschaften bilden: Kontakte, Diskussionen oder einfach ganz viel Spass und Freude an der gemeinsamen Sache. Ähnliches gab es bei den „klassischen“ Medien höchstens im Little-Mag bzw. Fanzine-Bereich.

Von Anfang an war B like Berlin eines dieser Blogs: Zuerst waren es die Street-Art-Bilder, die dort regelmäßig gepostet wurden, die mich immer wieder vorbeischauen ließen. Aber es gab auch kleine Geschichten und Begebenheiten, über die Großststadt und das Leben in ebenjener. Nicht zu vergessen die Berlin-Zitate, zu denen pro Woche ein bis zwei neue dazu kamen, von den Großen und den nicht ganz so grossen.

Eines Tages stand dann plötzlich nur noch ein einziges Posting auf der Seite. Ein sehr erschütterndes. In den daran anschliessenden Diskussionen wurde ich (erstmals in der Blogwelt) halbwegs persönlich angegangen, weil einigen meine Meinung dazu gegen den Strich ging.  Irgendwann wurde es ruhiger, die Aufregung geriet in Vergessenheit, ebenso wie das Blog.

Und genau das ist der Punkt: Aus aktuellem Anlass machte ich mir in den letzten Tagen wieder vermehrt Gedanken  zu dieser Blogwelt und was sie so besonders macht. Es gibt unzählige Theorien und Blickwinkel dazu, täglich werden neue veröffentlicht. Viel zu oft ist dabei von Unternehmens-, Marketing- oder Wertschöpfungsmodellen die Rede. Viel zu selten von Vernetzung, Gemeinschaft oder den sozialen Implikationen, die sich aus dieser neuen Welt ergeben. Ja: Blogs (und das Internet als solches) sind die Umsetzung der Brecht’schen Radiotheorie, sie sind dieser denkbar großartigste Kommunikationsapparat, nicht nur im öffentlichen Leben, sondern auch in der Grauzone, die sich bis in das Private hinein erstreckt.

Ich weiss nicht, wie es im Allgemeinen steht mit der Erinnerung, mit der Übertragung sozialen Verhaltens aus der Kohlenstoffwelt in die des Netzes. Ich kann hier nur für mich sprechen: Ich denke immer mal wieder an B like Berlin zurück. Wenn mir gelungene Kunst im öffentlichen Raum ins Auge springt, weil ich dort – bevor es all die flickr- tumblr- und Hipsterstreams gab – eine großartige Sammlung und Würdigung derselben entdeckte. Oder wenn ich in einem Buch oder Text ein treffendes Zitat zu unserer Stadt finde.

Genau das passierte, als ich in den letzten Wochen meine Bahnfahrten mit der turnusgemäßen Lektüre von Fausers Erzählungen verkürzte. (Wo wir schon beim Privaten sind: Er ist das Bild in meinem Avatar. Es dient also nicht primär der Identitätsverschleierung, sondern ist vielmehr eine Hommage.) Bei nicht wenigen Stellen dachte ich: „Das hätte gut auf B like Berlin gepasst“. Ich nahm mir vor, die entsprechenden Passagen rauszuschreiben, die passendsten davon vielleicht mal zu veröffentlichen, so wie es auf B like Berlin früher geschah. Und so soll es sein. Im Andenken an ein Blog, das meine ersten Gehversuche in dieser fremden Welt begleitete. Weil wir mehr sind als Marktmodelle. Weil – so platt oder pathetisch es klingen mag – uns auch der Umgang miteinander ausmacht. Und dazu gehört es auch, der Toten zu gedenken.

[alle Zitate aus der oben verlinkten Ausgabe]

Altmann setzte sich in seinen Audi und fuhr durch den ersten richtigen Schnee des Winters, in dem selbst Berlin wie eine Märchenstadt aussah. Ach, Berlin. Altmann liebte die Stadt. Er liebte nicht nur das Berlin bei Nacht oder das Museum Berlin, nein, er liebte Berlin als politische Metapher. Wo sonst als in Berlin war der dritte Weg zu finden, wo sonst waren auch nur seine Umrisse, seine Perspektiven zu erkennen.

Wem hier die Augen aufgingen, der musste zwangsläufig zur Politik kommen – und die einzig noch mögliche, noch denkbare, noch ausstehende Politik war der dritte Weg. Und selbst, dachte Altmann, als er über den schneebestäubten Kurfürstendamm Richtung Gedächtniskirche fuhr – vorbei an der Schaubühne, an den lichtdurchfluteten Restaurants, den Buletten-Palästen, Kinos und Cafés, vorbei an der Berliner Uhr, deren bonbonfarbene Würfel erst im Schneewirbel richtig zur Geltung kamen, vorbei an den Luxuspuffs und den Würstchenbuden, an den langbeinigen Huren im Nerz und den pockennarbigen Asylanten mit den Heroinbriefchen im Plastikstiefel – und selbst, dachte Altmann mit einem Anflug von Bescheidenheit, selbst wenn das alles nicht wäre, bliebe Berlin immer noch die einzige Stadt, die vierundzwanzig Stunden lang die Karten mischt – verlier oder gewinn, aber bleib im Spiel.

In Schöneberg schlug seine Stimmung um. Er fuhr langsam zwischen den Streifenwagen, den Zivilfahndern, den schrottreifen Büchsen der Freaks, den Taxis und Zuhälterlimousinen, den Motorrädern mit ihren Lederreitern und den Fahrrädern mit den verträumten blassen Studentinnen in ihren Regenpelerinen vom Türkenmarkt, und seine Stimmung nahm sofort die schalen Farben der Umgebung, ihre Brüche und Ruinen auf und setzte sie um wie in einem chemischen Prozeß. Altmann störte jetzt der widerliche Geschmack des Klaren, der mit dem Menthol eben doch nicht wegzukriegen war. Schöneberg deprimierte ihn. Verkommenheit hinter Stuckfassaden, dazwischen die Klötze der Mietburgen und Versicherungen. Da war Kreuzberg entschieden besser, Kreuzberg war schon der dritte Weg. Schöneberg war verlottert wie ein Fin-de-siècle-Bordell, wo das Rattengift sich allmählich gegen das Parfüm durchsetzt. In keiner westdeutschen Stadt hatte Altmann dieses Gefühl scharf abgegrenzter Bezirke, entgegengesetzter Perioden und Desasterzonen gehabt; freilich war er auch schon zu lange in Berlin, um sich in westdeutschen Städten noch wirklich auszukennen. (Der dritte Weg [1983] S.273f)

 

Sie sieht mich dann nur an mit ihrem sanften Lächeln und richtet mit ihren langen Fingern die Blumen in der Vase oder schenkt mir etwas Wein nach und sagt dann, dass sie noch irgendwohin will, mitten in der Nacht, meistens in eine dieser verlausten Kreuzberger Kaschemmen, wo alle zusammenhocken, die sich erfolgreich davor drücken, erwachsen zu werden. Ich geh nur selten mit. Für Profis fängt der Tag früh an. […]

Neben ihm stand eines von diesen Mädchen, die ihr Leben lang in Holzclogs rumlaufen, Halfzware drehen, den sie mit der taz in einem Jutesack herumtragen, und davon erzählen, daß die Stadt jetzt auch noch die Mittel für ihre Tanztherapie gestrichen hat. (Der Mann, der an Gedichte glaubte [1984] S.341f)

 

Ich bin auf dem Ku’damm auf und ab spaziert im Schub mit den Nichtstuern, Besoffenen, Fixern, Strichern, Touristen, Skateboardianern, Nutten, Nackten, Pakistanis, Dackeln, Doggen, Spandauern, Schönen und Schicken. Ich habe mehr Besoffene herumtorkeln und hinfallen und daliegen gesehen als je irgendwo, außer in Dublin am Zahltag. Es war noch heißer geworden und die meisten Bummler hatten etwas Flackerndes in den Augen, ein Irresein. Es wurde auch demonstriert und agitiert, es gab Hungerstreiks mitten auf dem Bolevard vor den Bulettenpalästen, für Frieden und gegen Abtreibung, oder vielleicht habe ich das missverstanden. Ich hatte gelesen, daß es jetzt 4,7 Milliarden Menschen gab. Man merkte es. ( Die schöne Helena [1984] S.359f)

München zwar, aber doch ein (wie ich finde) würdiger Abschluss:

Max rauchte und sah durchs Fenster auf die Straßen. Prächtige Stadt. Reich, korrupt und immer noch schön. Er wohnte seit zehn Jahren hier und liebte die Stadt trotz aller Verrohungen und Verwüstungen wie am ersten Tag. Vielleicht liebe ich sie sogar mehr als damals, dachte er. Mit Städten ist es anders als mit Frauen. Frauen bringen dich zuerst ganz hoch, ganz ins Paradies, und dann holen sie dich langsam und unter Schmerzen und Tränen und Flüchen und Qualen wieder runter in den Alltag, in den gewöhnlichen Schrecken der zu weich gekochten Eier, der Eifersucht, der gepanzerten Lippen, der Spinnweben um die Augen, nachts wenn die grauen Bäche fließen, vor dem Hahnenschrei. Aber Städte waren anders, sie waren aus Stein und Beton und Asphalt und Stahl, aus Erde und Maschinen und Himmel, aus großen Gefühlen, aus Dreck und Gewalt und Glück und Tod, aus den Millionen, die nachts ihre Angst betäubten und am Tag wieder die Fresse hinhielten und ihre Schulter ans Rad. Städte waren das Licht und die Künstlichkeit, das Beben der Straßen und die Musik, die aus den Mauern weinte. Städte konnte man lieben, wenn man die Menschen nicht mehr lieben konnte. (Das Glück des Profis [1982] S.196)

 

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Hasenfest, eher nicht so froh…

…oder so ähnlich.

Nur eine kurze Wortmeldung, so zwischen den Feiertagen: Heute gilt ja ganztägig das Tanzverbot. Dem stell ich einfach mal die Rezension zu einer Abhandlung über das Konzept „Tanzwut“ im Mittelalter entgegen. Weil ich es spannend & passend finde.

Nicht ganz so dolle sind die Sachen, die manchmal im Internet passieren. Ja, es gibt inzwischen auf alle Fragen dazu eine Antwort. Sicher, viele Probleme, Missverständnisse, Konflikte und Auseinandersetzungen haben ursächlich nichts mit dem Medium zu tun – Allzumenschliches, meist. Wer das ohne Netz haben will, kann ja mal in diversen linken Zusammenhängen (in rechten wahrscheinlich auch, da kenn ich mich nicht so gut aus) ähnlich viel Zeit und Diskussionen verbringen; Plena statt Kommentarspalten und Foren. Trotzdem: Nicht ohne Grund gibt es das unbestimmte Gefühl, hier unbedarfter, mithin geschützter agieren zu können. Es ist nun mal etwas anderes, ob der Geheimdienst jeden Tag vor der Tür steht und dein Tagebuch durchlesen möchte, oder ob er das über die Telefonleitung tut. Irgendwie so.

Was ich damit sagen will: Ich wollte jetzt eigentlich gar nichts schreiben. Höchstens wieder einen alten Text aus der Mottenkiste kramen. Weil ich immer noch nicht genau weiss, wo ich hinsteuere – die Titelerklärung zum Blog lieferte ich ja, und das war anfangs der Sinn dieser Veranstaltung hier. Keine Angst, es geht mir erstaunlicherweise überaus knorke. Ich schreibe viel, so viel wie lange nicht. Ich verbrachte wunderbare Tage bei wunderbaren Menschen im wunderbaren Hamburg. Ich lese viel. Nur hier wäre eben kurzzeitig Schmalhans Küchenmeister gewesen.

Wenn nicht die Sache bei tikerscherk drüben passiert wäre. Wobei ich natürlich nicht weiss, was passiert ist; nur das, was sie selbst dazu schrieb. Und dass mich das sehr getroffen hat, weil sie meine allerliebste Lieblingsbloggerin ist. So. Wenn es jemand nicht verdient hat, Opfer von so einem Mist zu werden, dann sie. Mich erinnerte das an die FakeGeschichte, die mich auch sehr bewegt hat, aus der Ferne. Krasse, interessante, verstörende Geschichte, dachte ich damals. Schlimm, dass so etwas überhaupt passiert – und schlimmer, dass es jetzt jemanden traf, den ich auf eine bestimmte Art glaube, zu kennen. Wenn man was zu Ostern wünschen kann, dann wünsche ich der hochgeschätzten tikerscherk, dass sie über all das Nachdenken, Reflektieren und Zweifeln irgendwann dahin kommt, wieder solche Texte schreiben zu können. Sonst nichts.

Und deshalb musste ich meine Blogroll akut anpassen und hab dabei gleich einen Kalender rechts eingefügt. Die großen Würfe folgen später. Vielleicht. Alles weitere & besser verständlichere, wahrscheinlich, steht drüben beim kiezneurotiker.

 

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Die Muse

Anfangs dachte der junge Dichter, er hätte Glück gehabt. Er wurde vom Arbeitsamt offiziell als beschäftigungsloser Schriftsteller anerkannt. Das verschaffte ihm zwar weder Geld noch Ruhm, aber immerhin: ihm stand eine Muse zu.
Und die tat nun auch schon seit gut drei Jahren ihre Dienste. Gut – es war eine vom Arbeitsamt gestellte Muse, die brachte jetzt nicht von heute auf morgen den Literatur-Verdienstorden, aber sie sorgte für einen kontinuierlichen Schaffensprozess, was ja für das schriftstellerische Selbstwertgefühl auch nicht unwesentlich ist.

Doch mit der Zeit begann der junge Dichter, sich in eine Richtung zu entwickeln, die der Muse nicht gefiel. Sie war, wenn man ehrlich ist, ein wenig herrisch und selbstgerecht. Am liebsten wäre sie eigentlich Literaturkritikerin geworden, doch das Arbeitsamt hatte nun mal bloß eine Stelle als Muse frei. Und diese lyrischen Verirrungen, die ihr Schützling da in letzter Zeit beging, die passten ihr gar nicht.

Das ließ sie den jungen Dichter auch deutlich spüren. Nachdem er ihr sein jüngstes Werk vorgetragen hatte, setzte er zur Erklärung an: „Weißt du, die Idee dazu entstand, als ich an diesem Laden vorbeiging, dessen Name so lustig war…“ – „Ach halt doch die Klappe“ blaffte sie, „das war eindeutig Schrott! Wenn du anfängst, ein Gedicht erklären zu müssen, ist es Schrott.“

Mit dieser Reaktion hatte er nicht gerechnet. Der eigentliche Plan des jungen Dichters war, in Kürze ein Lyrikband herauszugeben. Er hatte auch schon alles Nötige in die Wege geleitet, größtenteils. Ihm fehlte nur noch ein Verlag. Er hatte die Schnauze voll von dem ewigen Prosa-Geschreibe. Diese Gattung kam ihm inzwischen so banal vor. Jedenfalls, wenn man wie er ständig übers Ficken schrieb. Das wirkte bei Lyrik irgendwie angenehmer. Er konnte es jetzt gar nicht haben, dass ihm die Muse da in die Quere kam und sein Schaffen misskreditierte.

Sie musste weg.

Am nächsten Morgen ging der junge Dichter in eine Drogerie, die ihm aus dunklen Kanälen heraus empfohlen wurde. Dort bekam er unter dem Ladentisch die Pillen, die er brauchte. Er nahm ein paar von den bunten Dingern, und für 48 Stunden war er jeglicher Kreativität beraubt.

Der junge Dichter wusste, dass die Muse diese lange Versorgungsunterbrechung nicht überstehen würde. Und wirklich, als er danach das erste mal wieder einen kreativen Gedanken fasste, hörte er keine Stimme mehr, die ihm dazwischen redete. So konnte er in den nächsten Wochen unbesorgt seinen lyrischen Trieben freien Lauf lassen. Er schaffte es sogar, von dem Lektorat eines mächtigen Verlags vorgeladen zu werden.

Nachdem er ein paar Kostproben vor dem Gremium rezitiert hatte, baten ihn die Herren, noch einen Bewerbungsbogen auszufüllen. Gefragt waren Standards a lá „Geburtsort“ oder „Datum der ersten Inspiration“. Der junge Dichter machte alle verlangten Kreuzchen und Angaben und bedankte sich bei den Selektoren.

Zu seiner großen Überraschung kam bereits nach fünf Tagen ein Schreiben: „Sehr geehrter junger Dichter, wir freuen uns sehr, Ihnen mitteilen zu können, dass wir beabsichtigen, Sie in unser Programm aufzunehmen. Wir sind der Meinung, dass damit nicht nur Ihnen, sondern unserem gesamten Gemeinwesen gedient ist. Um den Vertragsabschluss komplett zu machen, müssen Sie lediglich an den angekreuzten Stellen unterschreiben und den letzten Quartalsbericht ihrer Muse anheften. Mit freundlichen Grüssen!“

Da war sie wieder. Der junge Dichter hatte sie längst erfolgreich verdrängt, er wusste schon gar nicht mehr, dass er mal eine Muse hatte. Jetzt aber holte sie ihn wieder ein. Gleich am nächsten Morgen ging er pflichtbewusst zum Arbeitsamt, um einerseits eine Muse als vermisst zu melden, und anderseits den nahezu perfekten Vertragsabschluss anzuzeigen. Dort würden sie ihm bestimmt auch einen Musen-Ausfallsschein ausstellen können.

„Junger Mann, so geht das aber nicht!“ begann die Dame hinter dem großen Schreibtisch ihre Predigt, „Sie hätten den Verlust ihrer Muse schon vor zwei Monaten anzeigen müssen! Wir stellen ihnen ja hier nicht die Mittel zur Verfügung, damit sie sie nach Belieben verschleudern. Dafür opfert sich das Gemeinwesen nicht auf, damit die Künstler dann so leichtsinnig mit ihrer Aufgabe umgehen! Den Vertragsabschluss können sie vergessen, dafür gebe ich ihnen keine Ausrede-Dokumente.“

Nach dieser Standpauke drückte die Verwaltungsbeamtin einen Knopf und der junge Dichter mit dem blumigen Namen wurde abgeführt und dem zuständigen Steinbruch übergeben.

(2003)

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Randnotizen

Aus Gründen fahre ich neuerdings regelmässig nach Köpenick. Davor war es Reinickendorf, da war die Strecke mit dem Rad schöner, fast immer durchs Grüne und am Wasser lang (auch wenn es der Hohenzollernkanal war…). Im Gegensatz dazu ist der Weg jetzt nur bis zur Rummelsburger Bucht wirklich angenehm, obwohl die Industriearchitektur in der Gegend von Nalepastrasse und Klingenberg zugegebenermassen auch etwas hat.

Wie auch immer, in der letzten Zeit bin ich sowieso meist mit der Bahn gefahren. Und da muss ich wohl oder übel die Warschauer Brücke überqueren. Als Verbindungsglied von Kreuzberg und Friedrichshain scheint sich hier alles zu konzentrieren, was an Klischees über den Doppelbezirk so im Umlauf ist. Hipster, Hippies, Anzugträger – Gentirifizierer und Gentrifizierte. Und Touristen natürlich. Was soll ich sagen: Ich finde das gut. Ich versuche in letzter Zeit verstärkt, gelassen zu sein. Nicht zu hassen. Natürlich weiterhin mit kritischem Blick, aber eben ohne die saure Galle. Ein wenig komme ich mir dabei manchmal wie Mr. Burns nach seiner freitäglichen medizinischen Behandlung vor – trotzdem:  Ist es nicht auch toll, dass alle diese verschiedenen Menschen dort auf dieser Brücke entlanglaufen und sich kaum aneinander stören? Kann man es nicht auch mal einfach gut finden, für wen und was alles in dieser tollen Stadt Platz ist?

Nicht ganz so toll ist allerdings, dass dann später in Köpenick auch Platz für die NPD-Bundeszentrale ist. Normalerweise macht diese einen bewusst unauffällig-verrammelten Eindruck, es gibt nur ein kleines Metallschild im Hauseingang. Nun hat aber auch bei den Nazis der Wahlkampf für das EU-Parlament begonnen, und das nach dem Großspender C.-A. Bühring benannte Haus wurde in ein Banner gehüllt: „Festung Europa schaffen – Asylflut stoppen“ prangt dort in großen Lettern. Jetzt ist es allerdings so, dass diese Losung nicht die unoriginelle Antwort auf die der politischen Gegner ist, der lediglich ein „ab“ vor dem „schaffen“ gestrichen wurde. Denn Nazis für dumm zu halten heisst, sie zu unterschätzen. Es gibt durchaus kluge Nazis, das ist kein Oxymoron. (Morons sind sie, klar.) Und ich kann mir gut vorstellen, dass einige von ihnen wissen, woher das Gerede von der „Festung Europa“ kommt.

Mir ist es kürzlich bei der (schon erwähnten) Lektüre der Kellner-Tagebücher aufgefallen. Dort berichtet Friedrich Kellner immer wieder, wie in den Presseerzeugnissen der Nazis die „Festung Europa“ gefeiert wurde, uneinnehmbar für Amerikaner und Engländer. Seine Notiz dazu vom 25.04.1943:

Der „Atlantik-Wall“ ist z.Z. ein sehr beliebtes Agitationsthema in der Presse und im Rundfunk. Dem Spießbürger wird beigebracht, daß er sich in der „Festung Europa“ vollkommen geborgen fühlen kann. (Bd. I, S. 406)

Kurz darauf wollten die Nazis dann allerdings  nicht mehr von der „Festung Europa“ sprechen. Als der Feind näher rückte, klang das zu sehr nach der Belagerung, die sich ja auch in der Realität abzeichnete. Auch vom Krim-Schild las ich bei Kellner und dachte mir, dass es sowas bestimmt bald wieder geben wird. Es muss nur noch ausgefochten werden, welche Seite ihn stiften darf. (Wo ich schon mal beim Thema bin: Rosa Luxemburg fand übrigens weder das Selbstbestimmungsrecht der Völker noch die Ukraine als Nationalsstaat besonder toll.)

Was mir beim Lesen der Tagebücher noch auffiel: Wie gerne Hitler und die Seinen das Wort „zwangsläufig“ verwandten. Klingt ein wenig nach „alternativlos“… man sollte mal wieder LTI lesen. Gerade jetzt.

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Heute minus zwanzig

All in all is all we are.

Ich war fast siebzehn, es war Freitag und ein Mädchen aus der Parallelklasse hatte sturmfrei und lud alle dazu ein. Einem weiteren legendären Wochenende in der ewig scheinenden Jugend schien also nichts im Wege zu stehen – auch, weil an diesem Abend die Anderen von der Skifahrt zurückkommen sollten.

Die sturmfreie Bude war eigentlich eine alte Kapitänsvilla mit Blick auf den Sund, das Mädchen dazu eine hübsche, leicht ausgeflippte Arzttochter mit wirklich kastanienfarbenem Haar und wir waren das, was solch eine Stadt an Punks, Hippies und sonstigen Alternativen – oder wie man hier mehrheitlich zu uns sagte: Zecken – zu bieten hatte.
Am späten Nachmittag begannen wir mit ein paar Haschkrümeln und Bieren den Abend einzuläuten und machten uns langsam auf den Weg zur Party. Viel war noch nicht los, nur die Mädelsclique der Gastgeberin war schon da, um alles schön vorzubereiten und zu dekorieren, was später – wie auf Teenagerpartys üblich – vollgekotzt, umgeworfen oder mit klebrigen alkoholischen Getränken überschüttet werden sollte.

Wir machten es uns im Raucherzimmer des Vaters bequem, dort gab es eine gut sortierte Hausbar, interessante Bücher und einen kleinen 37er Fernseher. Die Stimmung brauchte gar nicht lange, um in Gang zu kommen, auch weil der Oberkiffer mit seiner doppelt gekühlten Bong kurz darauf eintraf. Wir wussten, dass er die nur mitnahm, wenn er auch genügend Gras dabei hatte. Das sollte übrigens seine letzte Party für eine lange Zeit werden: während wir unser Abi schrieben, verbrachte er als erstes Drogenopfer unserer Stufe die Tage in der Geschlossenen, mit Meerblick immerhin. Das Scheisssynthetikzeug war schuld.

Es versprach also, ein großartiger Abend zu werden. „Hamburg lässt grüßen!“ sagte der Oberkiffer, wedelte dabei freudestrahlend mit dem prall gefüllten Grasbeutel und begann, den ersten Kopf zu stopfen. In den nächsten Stunden bewegten wir uns nicht aus dem Raum, es sei denn, um Getränke zu holen oder wegzuschaffen. Wir quatschten Blödsinn, der natürlich unglaublich tiefsinnig, philosophisch und weltverändernd war. Manchmal lasen wir dazu ein paar passende Sätze aus den klugen, in Leder gebundenen Klassikern, aber eigentlich lachten wir die meiste Zeit: über die Comics im Fernsehen oder über uns. Wie solche Partys halt in diesem Alter so sind.

Die Gastgeberin und viele, viele andere Besucher schauten ab und zu mal bei uns vorbei, einige für länger und ein, zwei Köpfe, andere nur zum Kopfschütteln. Schließlich meinte die Hausherrin: das ist hier eine Party, also bitte auch Musik!

Nun war das Raucherzimmer zwar umfangreich ausgestattet, aber eine HiFi-Anlage gab es darin komischerweise nicht, nur ein Kofferradio für die Bundesligakonferenz. Doch das war kein Problem, wir schalteten einfach einen der Musiksender im Fernsehen an, wo damals wirklich noch Musik lief, und zwar gar keine schlechte, für unsere Zwecke jedenfalls. Mal lief es nebenbei zur Untermalung, mal drehten wir voll auf, wozu dann dem Rausch- und Lärmpegel entsprechend getanzt wurde. Wir amüsierten uns allesamt prächtig, es waren noch ungefähr zwei Stunden hin, bis der Bus aus Harrachov ankommen sollte.

Doch mit dem Amüsement war es ganz schnell vorbei, als die Musik jäh unterbrochen wurde: Sie hätten Kurt neben einer Schrotflinte gefunden, sagte der englische Musiknachrichtensprecher. Eine Ewigkeit von fünf Minuten schalteten wir alle Musik- und Nachrichtensender, die das Kabelnetz hergab, durch – bis wir es irgendwann schliesslich glauben mussten. Zwei oder drei Leute begannen zu schluchzen, andere stierten vor sich hin. Ich rannte brüllend aus dem Haus, in den Garten, wollte im Rasen versinken. Es war doch grad mal zwei, drei Jahre her, dass ich entdeckte, wie grossartig und exakt dieser Mensch meine Befindlichkeiten ausdrücken konnte, das konnte doch jetzt nicht einfach so vorbei sein!

Es dauerte eine Weile, bis die Nachricht alle Partygäste in den verschiedenen Räumen, Etagen und dunklen Ecken erreicht hatte – auch, weil wir Hiobs etwas brauchten, um ansprechbar und artikulationsfähig zu sein. Auf einmal wich die aufgelöste Stimmung einer bedrückenden Ruhe, selbst bei denen, die nie viel mit dieser Art Musik anzufangen wussten.

Einige wenige begannen dann, leise und vorsichtig weiter zu feiern, wir zogen uns erstmal wieder ins Raucherzimmer zurück, um die Live-Berichterstattung weiter zu verfolgen. Wir waren jetzt ausserordentlich dankbar für das gute Hamburger Gras, drehten jedes verdammte Musikvideo bis zum Anschlag auf und schrien verzweifelt die Texte mit. Ein würdiger Abschied, wie wir fanden, aber irgendwann fiel uns die Decke auf den Kopf und wir mussten raus, brauchten frische Luft.

Da passte es gut, dass die geplante Ankunftszeit des Skifahrt-Busses fast erreicht war. Wir gingen langsam unten an der Promenade entlang zur Schule, still, bis auf ein gelegentliches „“Verdammte Scheisse, das kann doch nicht wahr sein!“ verließ kein Wort unsere Lippen, nur ein paar Rauchschwaden der vorgedrehten Dreiblattjoints. In sicherer Entfernung zum Schultor hielten wir an und schlugen unser temporäres Lager auf, der Bus musste jeden Augenblick kommen. Ein paar Eltern standen an der Strasse, aber bei weitem nicht alle, wir waren schliesslich schon in der Oberstufe. Sich von ihnen in ein Gespräch verwickeln zu lassen war trotzdem das letzte, was wir jetzt brauchten, die üblichen Interesse heuchelnden Allerweltsfragen konnten uns gestohlen bleiben.
Uns genügten die Wellen, die leise plätschernd an die Kaimauern schlugen.

Der Bus kam mit einer kleinen Verspätung um die Ecke bei der Feuerwehr gebogen und wir konnten die uns wichtigen Leute abpassen. Sie hatten natürlich noch keine Ahnung, auf der Fahrt liefen die ganze Zeit Mike Krüger- oder Fips Asmussen-Kassetten. Nach ein paar ungläubig-entsetzten Nachfragen glaubten sie es schliesslich – und doch konnten wir es alle zusammen noch längst nicht fassen. Still und wütend saßen wir auf der Mole, liessen die Füße baumeln und schmissen Kiesel und Kronkorken ins nachtdunkle Wasser.

Bis einer von uns aufsprang, den letzten Schluck aus der Stroh-Rum-Flasche (das übliche Mitbringsel von Skifahrten) trank, sie an die Brüstung warf und „Da müssen wir doch was machen!“ schrie. Darin waren wir uns alle einig, nur wussten wir nicht, was. Weil uns nichts Besseres einfiel, griffen wir uns die Farbdosen, die zum Handgepäck der gerade zurückgekehrten Sprayer gehörten. Wir wollten schon lange den Kampf ausfechten, jetzt starteten wir ihn: Der komplette Container, der seit Jahren für die Oberstufe als Provisorium auf dem Schulhof stand, wurde mit Parolen besprüht. In dieser Nacht gab es keinen Morgen mehr.
Als es dann wieder einen gab, wurden die Beweise gesichert und die Verweise ausgesprochen.

Kurt war damals zehn Jahre älter als ich. Jetzt bin ich zehn Jahre älter als er je geworden ist. Niemand konnte die Lücke füllen: Er fehlt. Immer noch. Eigentlich mehr denn je.

Was auch passiert, das (und so viel mehr) wird bleiben:

[Update: Tja, von wegen, jedenfalls was Youtube-Videos betrifft. Aber ich hatte noch dunkel im Kopf, dass ich das gemeinte Konzert früher schon verlinkt habe. Und dieser Link funktioniert noch. Ich pack es noch mal unten rein, mal sehen…]

Hier noch einer meiner Lieblingsnachrufe.

 

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