Peter – Begegnung am Fanta Rock

01.03.03

Ich traf Peter oberhalb des Wasserfalls bei Watervaldrif. Peter Kraus, wie dieser unsägliche Schlagersänger, so stellte er sich vor. Das Wasser stürzte unter uns sechzig Meter in die Tiefe. Unten sammelte es sich in einem Becken, in dem man wunderbar schwimmen konnte. Die Wassertemperatur war angenehm niedrig, da das Tal unten sehr eng war, also den ganzen Tag lang schattig. Das bewog uns auch gestern dazu, hier hoch zu klettern. Weil John, der Besitzer des Backpackerhostels sagte, dass wir, falls wir den Wasserfall besuchen würden, unbedingt dort hin klettern sollten, wo er anfängt. Also hoch auf den Berg.
Das taten wir dann auch, und als wir oben ankamen, wurden wir dafür reich belohnt. Der Fluss, der hier in die Schlucht hinunter stürzte, tat dies nämlich nicht am Stück. Er sammelte sich, vielleicht vor Schreck oder zur Erholung, nach vier Metern erst noch mal in einem kleinen Pool. Und dieser war im Gegensatz zu dem Bassin unten fast den ganzen Tag in der Sonne. Und sehr einsam. Gestern waren wir ganz allein dort oben. Wir tauften die Klippe, auf der wir kampierten, „Fanta Rock“, da eine Softdrinkdose gleichen Namens uns verriet, dass wir nicht die einzigen waren, die diesen wunderbaren Ort aufsuchten.
Heute allerdings wollte G nicht mitkommen, der Aufstieg schien ihm zu lang für den Genuss, in den man kommt, wenn man in dem kleinen Pool badet, mitten in der vermeintlich ungestörten Natur. Das war übrigens der zweite, unausgesprochene Grund, der ihn dazu bewog, heute in der Herberge zu bleiben: Die Natur. Wir hatten uns gestern leichtsinnigerweise mit den normalen Trekking-Sandalen auf den Weg gemacht, und zwar ganz untypisch für deutsche Touristen ohne weiße Tennissocken. Als wir dann abends am Grillfeuer darüber nachdachten, wohinein wir fast barfuss getreten wären, wurde uns schon etwas mulmig. Schließlich gibt es hier in der Gegend Kobras, die sich mal eben auf 1,80m aufrichten und einem ihr tödliches Gift über eine Entfernung von anderthalb Metern direkt ins Gesicht spucken. Da hilft zwar festes Schuhwerk auch nicht viel, aber trotzdem, schließlich bleiben ja noch ein paar gefährliche Spinnen und Skorpione übrig.
Also blieb G in der Stadt. Ich allerdings wollte noch mal zurück zum „Fanta Rock“, und so schnappte ich mir ein Fahrrad und fuhr zum Wasserfall. Und als ich dann den Aufstieg gemeistert hatte, lag Peter auf dem Felsen in der Sonne, das nasse gelbe Handtuch neben ihm verriet, dass er auch schon die Vorzüge des Pools genossen hatte.
Nach ein paar bruchstückhaften englischen Konversationsbrocken bemerkten wir, dass wir beide Deutsche waren. Als ich ihn fragte, was er so machte, antwortete er „Gras schmuggeln“. Ich weiß nicht genau, ob es mein Äußeres war, das ihn zu dieser unverblümten Antwort verleitete. Also fragte ich nach. „Das ist eine lange Geschichte mein Freund!“ antwortete er, und da er scheinbar davon ausging, dass ich Zeit hätte, bröselte er schon einmal ein bisschen Tabak in ein Blättchen. Weil der Tag noch frisch war, und mich die Geschichte interessierte, ging ich darauf ein.
„Es hat alles mit einer Home-Shopping-Sendung angefangen. Ich hatte gerade was geraucht, und danach schaute ich mir ganz gerne so einen Scheiss an, das war das richtige Niveau. Ich dealte ein wenig herum, so an Freunde, da kam nicht viel bei rum. Auf diesem Einkaufskanal jedenfalls vertickten sie gerade ein Vakuum-Einschweißgerät. Die Leistungsfähigkeit dieses Teils demonstrierten sie daran, dass sie circa 60-80 Coladosen in so eine Tüte steckten, und mit der Kraft der Vakuumpumpe wurden sie nicht nur luftleer versiegelt, sondern natürlich auch, mit einem Physik-Leistungskurs-Abitur sollte man das wissen, zerquetscht.“
Peter holte ziemlich weit aus, eigentlich wollte ich ihn fast unterbrechen, da ich ja hier her gekommen war, um zu baden, doch der erste Zug von seiner Tüte, die aus Manna-Gras zu bestehen schien, überzeugte mich, noch eine Weile (oder für immer, wieso eigentlich nicht….) auf der Klippe liegen zu bleiben, so dass ich ihm also noch gut weiter zuhören konnte.
„Das war jedenfalls das, was mir fehlte, es fiel mir wie Schuppen von den Augen.“ fuhr Peter fort. „Nach zwei Jahren Kleindealerei bekommst du schon irgendwie die typische Dealerparanoia. Es könnte ja doch mal passieren, dass die Bullen kommen und deine Wohnung durchsuchen, zumal du in einem stadtbekannten autonom verwalteten Hausprojekt wohnst. Ab einer gewissen Menge sollte man sich darüber mal einen Kopf machen. Und der tollste ZipLoc-Beutel kann eine Spürhundnase nicht täuschen. Aber so ein Vakuumpumpgerät, das 80 Coladosen zerquetscht und nur 230 DM kostet, das wär doch was. Weil ich bekifft war, dachte ich kurz darüber nach, ob dieses Angebot nur eine Falle der Bullen für paranoide Kiffer sein könnte, und die Staatsmacht dann bei jedem, der sich dieses Gerät kaufte, eine Hausdurchsuchung macht, die Adressen bekommen sie ja durch die Bestellung sozusagen frei Haus, aber diesen Gedanken verwarf ich ganz schnell. Schließlich hatte ich schon viel zu viel Geld rausgeschmissen, weil ich meine Elektropräzisionswaage aus verschwörungstechnischen Paranoia-Gründen im Fachhandel gekauft habe und nicht um die Hälfte billiger im Internet. Also bestellte ich das Vakuum-Verschweißgerät, und ein paar Tage später kam es dann auch per Post. Ich probierte es an allem möglichen aus, und natürlich auch gleich mit dem Gras. Und es funktionierte wunderbar. Ich hätte mir ein Kilo Gras umschnallen, zum Polizeirevier laufen und nach einer Besichtigung der Spürhundstaffel bitten können und mir wäre nichts passiert.“
Ich erinnerte mich daran, wie mein Dealer zu Hause immer mit endlos verpackten Plastiktütenbündeln ankam, die trotzdem zehn Meter gegen den Wind stanken, und konnte Peter nur beipflichten. Das wusste er zu honorieren indem er mir den letzten Rest der Tüte überließ und fortfuhr zu erzählen:
„Nachdem ich eine Weile ziemlich stolz auf meine neue Verpackungsmethode war, wurde ich ein wenig unzufrieden. Ja, ich machte dadurch auch ein bisschen mehr Kohle, weil ich jetzt risikofreudiger war. Deshalb konnte ich mir einen netten Urlaub leisten. Ein Freund von mir schwärmte mir von diesem Land hier vor, und da es sich ganz nett anhörte, spendierte ich ihm als eine Art Fremdenführergage den Flug, und wir hatten eine sehr gute Zeit. Vor allem, da das Gras hier so billig war. Ich meine, wenn es für uns als Touristen eine Mark kostete, damals vor der Euro-Umstellung, was würde es dann im Großeinkauf kosten? Eines Tages kamen wir hierher, und durch einen netten Einheimischen erfuhren wir, dass es schon ohne Touri-Aufschlag bei dreissig Pfennig für mittelkleine Mengen lag. Natürlich denkt jeder darüber nach, wenn er die Preise für die Drogen vor Ort erfährt, wie schön es doch wäre, wenn man das importieren könnte. Aber spätestens wenn man an die Grenzkontrollen denkt, verflüchtigt sich dieser Gedanke wieder. Spürhunde und Durchsuchungen.
Da ich dank meiner Vakuumpumpe vor den Spürhunden keine Angst mehr hatte, dachte ich weiter. Es ist ja allgemein bekannt, dass ein einfacher doppelter Boden nichts mehr hermacht. Ich habe Geschichten gehört, dass Leute von Holland Gras geschmuggelt haben, indem sie es in den Reifen ihres Autos versteckt hatten. Die Bullen, die hinter ihnen fuhren, fanden den Geruch nach einer Weile komisch und hielten sie an. Naja, und was passiert dann erst an Flughäfen oder per Schiff?
Ich überlegte eine Weile, wie man das Gras tarnen könnte, gut verpacken und so weiter. Ich dachte an Autos. Erst vor kurzem hatte ich zufällig einen Oldtimerhändler besucht, der die Karren unendlich billig und dazu durch das trockene Klima sehr gut erhalten verkaufte. Und da er hauptsächlich europäische Kunden hatte, kannte er sich ganz gut mit der Verschiffung aus. Also dachte ich, kauf ich mir einen Oldtimer und packe ein paar Kilo Gras rein. Aber da ich ja das Auto danach auch weiterverkaufen wollen würde, dürfte ich nicht viel dran schrauben. Von den unterschiedlichen Gewichten auf dem Papier und in real mal ganz zu schweigen. Wenn man näher drüber nachdenkt, ist Schmuggeln echt schwierig. Du musst ein gutes Versteck finden. Das ist so ein Auto nicht, trotz jeder noch so guten Vakuumpumpe.
Am nächsten Tag besuchte ich mit meinem Fremdenführer-Freund einen kleinen Markt. Dort gab es neben Obst und anderen Lebensmitteln auch den typischen Schnickschnack. Für Touristen angefertigte Kunstgewerbegegenstände, in den Townships hergestellt, meist aus Müll. Flugzeuge aus Coladosen zum Beispiel. Und diese Coladosen ließen mich wieder wehmütig an meine Schmuggel-Idee denken, die ich aufgrund der Unwägbarkeiten schon fast aufgegeben hatte. Fast. Denn beim Anblick der Propellerdinger aus Weißblech kam mir der entscheidende Einfall.
Ich konnte es kaum erwarten, wieder zurück nach Deutschland zu kommen und alles in die Wege zu leiten. Mein Begleiter war nicht ganz so euphorisch von der Idee, weil es ja doch ein gewisses Risikopotential barg, illegale Drogen zu schmuggeln, doch er war bereit, mitzumachen. Wir versicherten uns der Unterstützung unseres neuen Freundes, der meinte, er könne uns jede beliebige Menge besorgen, seine Familie sei seit Generationen sozusagen hauptberuflich in der Branche tätig. Wir recherchierten noch ein wenig, knüpften weitere Kontakte, notierten alles was wir brauchten, und nahmen den nächsten Flug zurück, in der Vorfreude auf unseren baldigen Besuch hier.“
Ohne ein weiteres Wort zu sagen stand Peter auf, nahm Anlauf und sprang in den Pool. Er verstand es, die Spannung zu halten, dachte ich. Als Antwort darauf und um die Spannung ein wenig rauszunehmen fing ich an, die nächste Tüte zu bauen. Als ich das Werk vollendete, ging ich zu dem Steinvorsprung, an dem sich Peter gerade hochzog, gab ihm sein Handtuch und den Joint samt Feuerzeug und sprang selbst ins kühle Nass. Ich tauchte eine Weile unter dem kleinen, in seinen Anfängen steckenden Wasserfall hindurch und paddelte dann langsam an den Rand des Beckens zurück. Als ich nah genug dran war, löste Peter sein geheimnisvolles Rätsel auf.
„Kunst! Wenn du keine geeignete perfekte Verpackung findest, musst du eben eine erfinden. Als ich in Deutschland ankam, gründete ich mit meinem Mitstreiter sogleich einen gemeinnützigen interkulturellen Kunstverein. Auf dem Markt kam mir nämlich die Idee, dass wenn die ganzen Touristen sich den Kram kaufen, dann würde es wohl auch nicht auffallen, wenn man einen Teil davon nach Europa ausführt. Das machen bestimmt auch ein paar andere Leute, sonst gäbe es ja die ganzen Dritte-Welt-Läden nicht.
Also nehme man ein klassisches Transportgefäß, einen Eimer, und packt vakuumverschweißtes Gras rein. Dann muss man die ganze Sache noch als Kunst tarnen. Deswegen bestellten wir bei der einheimischen Kunststofffabrik vor Ort Acryleimer. Durchsichtig also. Dort rein packten wir das Gras in ein extra am Boden befestigten Innengefäß. Und dann ließen wir einen Künstler, mit dem wir vorher Kontakt aufgenommen hatten, diesen Eimer mit buntem Sand füllen, so wie man es von den kleinen Glasgefäßen auf den Märkten jedes Urlaubslandes kennt. Diese Eimer arrangierten wir dann zusätzlich noch zu Kunstwerken, also etwa eine große Sonne.
Das war das erste Projekt. Eine Sonne, aus 10 kreisförmig zusammengesetzten Eimern, deren kunstvolles Innenmuster die Sonnenstrahlen symbolisierten. Über das Loch in der Mitte spannten wir noch eine Leinwand, die die Sonne selbst darstellte. Und fertig war das Kunstwerk. In jedem Eimer lagerten luftdicht versiegelt und unsichtbar fünf Kilo Dope. Insgesamt hatten wir zwei Sonnen à zehn Eimer, was zusammen hundert Kilo bestes Swazigras ergab. Im Einkauf haben wir dafür zusammengeborgte 15.000 Mark bezahlt, dazu noch mal hundert Mark pro Eimer, inklusive Herstellung und Befüllung, also zweitausend, und für Transport und Versicherung, es handelte sich ja schließlich um Kunst, noch mal so ein paar große Scheine. In Deutschland wurde uns das Gras zu einem unschlagbaren Preis von drei Mark fuffzig aus den Händen gerissen. Also blieb uns nach der ersten Tour abzüglich Tickets und Spesen locker eine Viertelmillion. Das war vor ungefähr vier Jahren. Also, wenn du mich fragst, was ich so mache, dann sage ich, ich bin Kunsthändler.“
Mit diesen Worten verabschiedete sich Peter und stieg den Berg hinab. Ich allerdings musste mich erst mal von dieser Geschichte erholen, legte mich in die warme Nachmittagssonne und schlief ein. Oder hatte ich die ganze Zeit geschlafen und das alles nur geträumt?

 

Advertisements

10 Kommentare

Eingeordnet unter Uncategorized

10 Antworten zu “Peter – Begegnung am Fanta Rock

  1. Großartig. Herrliche Story!
    Psst… nur an Dich.. lösche es, wenn es Dich nervt… ich würde den Schluß umschreiben. Nur den Schlußsatz. Die fade Traumnummer hat das feine, schräge Ding nicht verdient. Aber wie auch immer: danke für den prächtigen Ausflug nach Fanta Rock 🙂

    Gefällt mir

  2. 🙂 Re-Re-Psst: auch die verdammten, kleinen Historiker wollen und sollen zu ihrem Recht kommen. Meine ist ja eher so ein kleine Dramaqueen in Leoprintleggins *lol*

    Gefällt mir

  3. Ziemlich entspannte Geschichte, toll.

    Gefällt mir

  4. Gute Geschichte, gut geschrieben.
    In einem Rutsch weg gelesen und mit Spannung auf das Ende gefiebert.
    Wie schnell sich auf wunderbare Weise Geld verdienen ließe.
    Ich wundere mich immer wieder, dass unser Staat sich diese Einnahmequelle nicht längst unter den Nagel gerissen hat.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s