Sommersplitter – Tischgespräche, draussen

Ich versuche, möglichst unbedarft auszusehen, als sie mich nach einem Geldschein fragt. Obwohl ich genau weiss, was kommt.

„Ich hab ’nen Fünfer oder ’nen Zwanziger“ sage ich.

„Nimm den Zwanziger, macht sich am Besten!“ empfiehlt der Chemiker und klopft an das Glasröhrchen. Ich gebe ihr den Schein, er gibt ihr das Röhrchen.

„Und du willst da echt nix für haben?“ fragt sie noch, bevor das weiße Pulver durch meinen Zwanziger in ihrer Nase verschwindet.

„Nicht doch, nie. Ist noch von letzter Woche übrig, diese Woche hab ich eh schon Neues gemacht, kein Thema.“ antwortet er.

„Ah ja“ mische ich mich wieder ein, „so Walter White-mäßig, was?“ Frage ich ihn, nicht ohne die Erklärung nachzuschieben, dass ich diese Serie noch nie gesehen hätte, aber dank des Internets die ganzen Memes dazu kenne.

„Genau!“ antwortet der Chemiker, „und das hast du echt noch nie gesehen? Musst du unbedingt machen, wirklich Klasse! Der Stoff ist natürlich die Hölle, da ist das hier Kindergarten gegen. Willst du auch?“ Die Frage ging an mich, ich lehne dankend ab.

„Hab ich mir gedacht“ sagt er lächelnd, und, and sie gerichtet: „Und?“

„Krass, man schmeckt wirklich kaum was.“

Ich stecke den Zwanziger wieder ein und den Joint wieder an. Sie gehen in die Panoramabar, ich werde nach Hause gehen. Oder doch zu N.? Ihre Einladung steht noch, daran erinnerte sie mich gerade vor einer halben Stunde wieder. In ihrem Tiefkühlfach liegt seit Jahren ein Stück getränktes Löschpapier, das ihr Robert Anton Wilson mal geschenkt hatte. Wäre auch eine Option.

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5 Kommentare

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5 Antworten zu “Sommersplitter – Tischgespräche, draussen

  1. Berlin hat was zu bieten! Auf dem Land sind die Optionen etwas eingeschränkter. Eine Weißweinschorle, noch eine und gelegentlich wandert mal ein lauwarmer Sticky an dir vorbei …

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    • Och, alles nur Schattierungen…Grade auf dem Land kann ich mich noch an Selbstgebrannten erinnern, von Opa… Jetzt gibt’s da aber wohl auch vermehrt so Labore in Geräteschuppen. Jeder Gesellschaft die Drogen, die sie verdient…Da fallen mir zwei Sachen ein: Das Video hier
      https://www.youtube.com/watch?v=gdT8hH1dbV8 (kann man gar nicht oft genug verlinken)
      und meine Bad Nauheim-Frage: Gibt es Dr. Amitai, Dr. Dickhaut und Dr. Hasenknopf dort noch?

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  2. Cooles Video. Meth den Hütten, Koks den Palästen. Wir hatten hier in Schweppenhausen letztes Jahr auch einen Drogentoten (offiziell: multiples Organversagen), der Sohn eines Kneipenkumpels.

    Danke für den Hinweis auf Fauser. Wie wir aus der Penzel/Waibel-Biographie wissen, hat er mit diesen Ärzten ja über die Apomorphin-Methode zum Entzug gesprochen. Vielleicht nicht nur am Telefon? Bad Nauheim ist ja nicht allzu weit weg von Frankfurt. Ich nehme mal an, die Jungs praktizieren nicht mehr – „Dickhaut“ und „Hasenknopf“ klingt gut … Eines Tages fahre ich tatsächlich mal nach B. N. Wird es eine Inspiration oder eine Enttäuschung sein? Sollte ich nach Bonetti fragen?

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    • Mal ganz ernsthaft & am Rande, das ist doch fast dein altes Forschungsgebiet, Herr Doktor: Der Kapitalismus scheint in seiner räudigsten Phase zu sein, also gibt’s statt Koks jetzt Crystal zum Durchhalten. So wie in der letzten räudigen Phase des Kapitalismus, auch wenn es da Fliegerschoki hiess.

      Ich fand die Namen der Ärzte auch grossartig und hielt sie für erfunden, als ich das erste Mal von ihnen las. Und ich dachte deine Affinität zu Bad Nauheim hätte auch eine reale Grundlage, aber wenn du noch nicht da warst… unbedingt nach Bonetti fragen, dann. Im neuen (Alexander-Verlag) Strand der Städte gibt es so zwei, drei alte Artikel über Apomorphin und die Herren Amitai et al. Scheint sich aber trotz der Werbetrommel, die Fauser und Burroughs rührten, nicht durchgesetzt zu haben.

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      • Ich lese gerade „Aufstieg und Fall der großen Mächte“ von Paul Kennedy. Napoleon wie auch Hitler hatten die Strategie, den Krieg mit dem Krieg zu finanzieren, weswegen ihnen im Lauf der Jahre die erfahrenen Soldaten wegstarben und die Zahl minderjähriger Rekruten permanent anstieg. Alles wurde buchstäblich verheizt, damit das Feuer der Expansion nicht ausgeht. Die Analogie zum Endkampf des Kapitalismus, in deren totalitären Variante der „Share Economy“ jetzt auch die letzten zwischenmenschlichen Beziehungen vermarktet werden, ist augenfällig: Die Arbeitnehmer werden verheizt, Burn-Out, Depression, Drogensucht und Selbstmord nehmen zu – aber der Zustrom junger Rekruten aus dem Osten und dem Süden hält die Flamme am Leben. Notfalls brauchen wir eben wieder einen Krieg …

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