Erkenntnis

24.02.04

Der Hubschrauber sah gefährlich aus. Gefährlich, weil aus den beiden Seiten riesige Geschütze ragten, gefährlich, weil in den offenen Seitentüren jeweils zwei gepanzerte Soldaten saßen und gefährlich, weil er nur ungefähr 50 Meter über dem Boden schwebte und einen dumpfen Höllenlärm machte.

Die Bäume, die die Straße säumten, bogen ihre Kronen vom Wind weg, und die Fenster in der Einfamilienhaussiedlung vibrierten. Sie klirrten nicht und sie sprangen nicht, nie. Es gab immer nur ein mattes Vibrieren.

„Papa! PAPA!!“

„Ja mein Sohn, was ist?“

„Du sagst mir immer bloß, dass ich mich ans Fenster stellen soll und winken.“

„Genau das solltest du jetzt auch tun, mein Sohn.“

„Aber du sagst mir nie, warum!“

„Doch mein Sohn, ich habe es dir schon tausendmal gesagt: Du sollst winken, damit sie sehen, dass es dir gut geht. Die guten Soldaten passen auf, dass die Kinder alle wohlauf sind, sie beschützen euch.“

„Aber Papa, was ist, wenn der Hubschrauber einmal nicht mehr kommt? Wird es uns dann schlecht gehen?“

„Das wird nie passieren, mein Sohn. Oder hast du schon eine Nacht erlebt, in der sie nicht nachgeschaut haben, ob du in Ordnung bist?“

„Nein Papa.“

„Na also, und jetzt geh schlafen.“

Er wusste beim besten Willen nicht, wie er es seinem Sohn anders erklären sollte. Vor fünf Jahren, ein Jahr nach seiner Geburt, fing es an. Seitdem flog der Armeehubschrauber jeden einzelnen Abend Patrouille in dieser Strasse, immer zwischen zehn und elf Uhr.

Niemand, der hier wohnte, hatte das auch nur mal am Rande erwähnt. Keiner regte sich darüber auf, nicht ein Anwohner dieser Strasse beschwerte sich in irgendeiner Form über die allnächtliche Militärpräsenz. Es wurde als alltägliches Ereignis hingenommen, so wie die morgendliche Tour des Zeitungsjungen. Da wäre er der letzte, der seinem Sohn irgendwelche Flausen in den Kopf setzten würde. Kinder haben schließlich genug Probleme, mit denen sie fertig werden müssen, da sollten sie sich nicht zusätzlich dumme Gedanken um einen blöden Hubschrauber machen müssen, über den sowieso nicht gesprochen wird.

Wie immer, wenn der Lärm abgeklungen und das Kind zugedeckt war, öffnete er eine Flasche Wein. Wie immer, seitdem er alleine war, würde er für zwei trinken, mindestens. Und wie immer überlegte er, sich einen anderen Job zu suchen. Jeden Abend die gleichen Gedanken, jede Nacht der gleiche Absturz und jeden Morgen die gleiche Resignation, auf dem Weg vom Kindergarten ins Büro: Er würde hier nicht rauskommen. Sein Sohn vielleicht, aber er nicht.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Erkenntnis

  1. Erinnert mich an eine Szene in den USA, in Miami. Wir lagen am Hotelpool in einem nicht ganz billigen Hotel. Plötzlich durchquerten etwa zehn bewaffnete Polizisten das private Areal, weil es augenscheinlich eine Abkürzung war; ohne Genehmigung, ohne Anordnung. Außer mir wunderte sich niemand. Mein amerikanischer Begleiter meinte, das sei hier nun mal so, wir seien hier nicht in Lullaby-Europe, ich solle mich nicht so haben. Ich war schockiert, denn so stelle ich mir Nazi-Deutschland vor.

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