Schrecken

Seit zwei Stunden saß er inzwischen auf gepackten Koffern. Und alle fünfzehn Minuten dachte er, dass das ja wohl totaler Quatsch wäre, nur wegen ein paar Heuschrecken.

„Das Heu kannst du weglassen“ hat Paul gesagt, „das sind Stabschrecken, so indische. Die haben es da wohl nicht so mit Heu.“

Er würde doch nie wieder hier in der Gegend was finden, jedenfalls nichts, was er sich leisten könnte. Und was sollte er erzählen, wenn ihn jemand fragt? Eine letzte Möglichkeit gab es noch, aber er hegte keine großen Hoffnungen, als er die Nummer aus dem Branchenbuch ins Telefon tippte. Reine Formsache, es sollte keiner sagen können, er hätte nicht alles versucht.

Nur ein paar Brombeerzweige und ein paar Wochen, mehr kostete es nicht, meinte Paul, als sie zusammen das riesige Terrarium die Treppen hochwuchteten. Die Zweige müssten allerdings regelmässig ausgetauscht werden und alle paar Tage sollte man mal ein bisschen Wasser zerstäuben. Kein Thema, eigentlich.

„Das heisst die bewegen sich so gut wie nie?“ fragte er, „Nichts als schlafen, fressen, ficken?“ Paul lachte nur: „Von wegen, nicht mal das! Das sind alles Mädels. Klone. Die gibt es seit 17 Jahren, die haben schon auf der ersten Fusion getanzt. Also, ihre DNA jedenfalls.“

Sie bestückten das Terrarium großzügig mit den erstaunlich stacheligen Zweigen und gestatten sich nach getaner Arbeit ein gut gefülltes Pfeifchen. Er fand, dass diese Viecher und ihr beschaulich eingerichtetes Gehege etwas ungemein Beruhigendes hatten, auch wenn sie sich inzwischen – es war längst dunkel geworden draussen – für seinen Geschmack doch fast etwas zu schnell bewegten. „Und vergiß nicht“ meinte Paul, „das sind Insekten. Da kann ruhig mal was kaputt gehen, ich hab die jetzt nicht nachgezählt. Also, keine Sorge! Und Tommi soll sich so viele rausnehmen, wie er will.“

Tommi war sein Teilzeit-Mitbewohner und als solcher den größten Teil der Zeit nicht da. Bei seinem letzten Besuch in der Stadt fand er die Schrecken so toll, dass ihm Paul jetzt ein paar zum Geburtstag schenken wollte, samt eines weiteren, etwas kleinerem Terrariums.

„Eigentlich kann er auch das Riesenteil mitnehmen, ich hab zu Hause eh noch ein anderes Grosses. Und du packst die, die übrig bleiben, in das Kleine…“ Er konnte es Paul nicht verdenken, dass dieser den schweren Glaskasten nicht noch einmal all die Treppen hoch- und runtertragen wollte. „Mir egal“ antwortete er und begann, das Fitzelchen Hasch in seine letzten Brösel aufzulösen.

Nachdem alles aufgeraucht war, brachte ihm Paul die Umsiedlung – bzw. das Umsetzen, wie er belehrt wurde – bei. Einige der Viecher waren schon ziemlich groß, und ihre Beine ganz schön widerborstig, oder besser -hakig. Mit etwas Übung klappte es jedoch ganz gut, zur Not half man mit einem kräftigen Pusten nach, um die Tiere von der Kleidung zu bekommen. Er sah eigentlich ein paar unkomplizierten Wochen entgegen.

***

„Boah, sind die garstig!“ Tommi weigerte sich beharrlich, auch nur eine Nacht mit den Monstern alleine in einem Zimmer zu verbringen. Er legte mit den Drogen gerade eine Pause ein und begann, sich wieder an seine Träume zu erinnern. Und hatte Angst vor den Ängsten in ihnen, da passten die Schrecken nicht gut rein. Soviel dazu.

Was bei Pauls weisen Ratschlägen zur Insektenhaltung nicht zur Sprache kam, war, dass sich die Viecher häuten. Kann man sich denken, sicher, aber als er eines Morgens das erste Mal eine abgestreifte Schrecken-Hülle fand, geriet er leicht in Panik. Denn nachhaltig, wie die Natur nun mal ist, knabberten die Tiere ihre abgelegte Haut gern auf. Er befürchtete natürlich sofort, die Schrecken wären dem Kannibalismus anheimgefallen.

In den folgenden zwei Wochen pendelte sich alles einigermassen ein: Er kannte inzwischen sämtliche Brombeer-Reviere in der näheren Umgebung und war erstaunt, wie viele grüne Blätter noch an den Pflanzen waren, obwohl sich der Winter schon dem Ende zuneigte. Noch erstaunter war er allerdings, als die ersten warmen Frühlingssonnenstrahlen das wahre Potential der Brombeeren entfalteten; selbst abgeschnitten im Wassereimer auf dem Balkon trieben die Zweige aus, was das Zeug hielt. Ungefähr zu dieser Zeit bemerkte er auch erstmals die Veränderungen an den Schrecken: Nach und nach färbten sie sich rot.

Zuerst stellte er noch die Klon-Theorie in Frage und vermutete, dass sich vielleicht doch ein Männchen eingeschlichen hätte, oder geschlüpft war. Dann kam er aber relativ schnell auf die Möglichkeit einer Mutation. Überhaupt schienen sich die Insekten ziemlich wohl zu fühlen, oder es lag am Frühling, jedenfalls wurden sie mehr und mehr. „Die schmeissen ihre Eier einfach ab, keine Ahnung, wie viele da rumliegen.“ Mehr war aus Paul zu diesem Thema nicht herauszukriegen. Die Zweige boten längst nicht mehr genügend Platz, so dass die Schrecken jetzt hauptsächlich aufeinander sassen. Und bei dieser Gelegenheit liessen sie es sich nicht nehmen, sich gegenseitig die Beine abzufressen. Jetzt war er da, der Kannibalismus. Das Terrarium war eindeutig zu eng geworden.

Die Roten schienen sich dabei am besten zu schlagen, irgendwann waren sie in der Überzahl. Ab da wurde auch das Tauschen der Zweige und des Wassers ungleich komplizierter: Nicht nur, dass die Tiere generell viel zu viele waren inzwischen, sondern sie schienen auch aktiver und fluchtwilliger zu werden. Die graubraunen Schrecken, die er vor zwölf Wochen bekommen hatte, wackelten auf ihren dünnen Beinchen ein paar Mal vor und zurück, bevor sie überhaupt einen Schritt machten. Von den Roten entwischten ihm immer ein oder zwei Exemplare, sobald er nur den Deckel anhob. Und obwohl es in der einschlägigen Literatur hiess, dass Temperaturen deutlich unter 18 Grad Celsius tödlich wären, sah er den einen oder anderen Ausreisser noch Tage später auf dem nachts weiter winterlich kalten Balkon.

Da Tommi sehr deutlich gemacht hatte, dass er keinerlei Wert auf sein Geburtstagsgeschenk legte und Paul auf der Mailbox die Nachricht hinterlassen hatte, dass sich seine Rückkehr erheblich verzögern würde, musste er sich langsam was einfallen lassen, um der Überbevölkerung Herr zu werden. Zwischenzeitlich hatte er sämtliche verfügbaren Informationen geprüft, aber einen Fall wie seinen nirgends auch nur annähernd beschrieben gefunden. Viele andere interessante Fakten, das ja, aber nichts zu der Verfärbung. Könnte am Futter liegen, war die generelle Vermutung. Doch mit dem flammenden Rot und einer spontanen Mutation konnte niemand etwas anfangen. Allerdings waren die meisten seiner Gesprächspartner auch eher Reptilienzüchter und weniger am Leben der Schrecken interessiert als an ihrem Nährwert.

Er müsste sie umsetzen, soviel war klar. Gerade, als er dabei war, das kleinere Terrarium zu präparieren – die Brombeeren sprossen nur so, überall, und er wunderte sich noch, warum ihm die unzähligen Büsche in seiner unmittelbaren Umgebung bisher entgangen waren – hörte er die Stimme zum ersten Mal: „Du bist ein guter Mensch. Du solltest besser gehen.“

„Da wär ich mir nicht so sicher.“ Murmelte er, bevor sich ihm die Frage stellen konnte, wo diese Stimme auf einmal herkam. Er entfernte das Tuch vom großen Glaskasten, keine einzige Schrecke bewegte sich. Das war schon komisch, da sie in der letzten Zeit ja immer so flink unterwegs waren, aber auch darauf achtete er nicht weiter. Die Frage nach dem Modus der Aufteilung beanspruchte in diesem Moment seine ganze Aufmerksamkeit, er hatte darüber vorher gar nicht nachgedacht: Groß und klein zusammen, bunt gemischt? Oder nach Alter und Größe sortieren? Einfach das nehmen, was ihm zuerst unter die Finger kam? Und wie viele sollte er überhaupt in das kleine Terrarium packen, um nicht in ein paar Tagen wieder den Kannibalismus das natürliche Gleichgewicht herstellen lassen zu müssen? Er müsste sich schnell entscheiden, bevor die Hälfte der Viecher von alleine wer weiss wohin auswandert, überlegte er noch. Doch dann bemerkte er die Ruhe, die Bewegungslosigkeit, die komplette Erstarrung jedes einzelnen Tieres. Ungewöhnlich, dachte er, was ist denn jetzt schon wieder los?

„Geh!“

***

Der Kammerjäger war anfangs etwas ratlos, dann griff er zum Telefon.
„Ja, Kurt, icke. Hier, hörmal, bin grad in der Weser 13, komische Sache, dit. Deine Frau arbeitet doch inner Klappse, oder?  Sach ma, jibt dit da so ‘ne Art Notruf? Oder soll ick da den normalen Krankenwagen rufen?“

„Ja, nee, Folgendet: Der Typ sitzt hier direkt neben mir, dit is dem vollkommen ejal, allet. Aber is eben ooch nich agressiv oder verwirrt uff den ersten Blick, deswejen dachte ick, da wär’n paar Spezijalisten jebraucht, vastehste? Wenn dem so erstma nüscht fehlt, nimmt den doch keener mit, dacht ick mir. Polizei, meenste?“

„Jut, danke dir, dit is jut, der Rudi, klar. Da wär ick jar nich drauf jekommen. Dachte, der wär längst in Rente. Ick meene, wie soll der den bitteschön die Türkenbengels jagen mit sein kaputtet Knie und den zweieinhalb Zentnern? Naja, soll mir ejal sein, wa. Sach ihm, er soll sich beeilen. Tschö.“

„Es ist gut, dass Sie die Polizei gerufen haben. Hoffe ich.“ Er schaute den Kammerjäger traurig an. „So wird es wenigstens aktenkundig, wissen Sie? Aber Sie müssen schon zugeben, dass sich diese Tiere seltsam verhalten, oder?“

Dem Kammerjäger war deutlich anzumerken, dass er in diesem Moment lieber woanders wäre. Schaben, Ratten, Motten, das waren seine Gegner. Mit verwirrten Menschen, die friedlich in ihrem Gehege hockende Heuschrecken für eine Bedrohung hielten, konnte er dagegen nicht viel anfangen. „Müssen muss ick jarnüscht, damit dit schon mal klar is. Und wo wa schon ma dabei sind: Ooch wenn ick jetzt hier nüscht ausrichten kann, die Anfahrt muss bezahlt wern, sonst reisst mir meen Chef den Kopp ab.“

„Herr König, nehme ich an?“ Der Polizist nahm seine Mütze ab und streckte die Hand aus, er machte einen netten, offenen Eindruck. Etwas ausser Atem, aber nett.

„Nein, Caesar. Aber das ist jetzt nicht so wichtig…“ Nach einem kurzen Händedruck fingerte der Beamte Block und Stift aus der Jackentasche. „Für mich ist erst mal alles wichtig, leider. Also Cäsar, so wie der aus Rom, ja?“

„Genau der.“ antwortete er. Der Kammerjäger hustete kurz auf, kratzte sich am Kopf und hielt dem Polizisten die Hand hin: „Rudi, ick bin wech, wenn dit ok is. Is ja wohl nich mehr meen Metier hier…“

„Sicher. Also, Herr Cäsar, was genau ist hier das Problem?“

„Wissen Sie, wie man den Hunger in der Welt bekämpfen kann?“ Er schaute dem Polizisten in die fragenden Augen, erwartete aber keine Antwort. „Insekten! Stabschrecken, insbesondere. Reines Protein. Es gibt erstaunliche Studien, der Energiebedarf, die Kosten für die Erzeugung von einem Kilo Rind und einem Kilo Stabschrecken verglichen, das ist ein Riesenunterschied!“

„Das mag ja sein, aber ich glaube nicht, dass uns das hier weiterbringt, Herr Cäsar. Und ich möchte mir auch ungern einen Teller voller Insekten auf dem Mittagstisch vorstellen…“

„Uns wird gar nichts anderes übrigbleiben, über kurz oder lang.“ Unterbrach er den Beamten. „Das Dumme ist nur, die Schrecken wissen das jetzt auch, und ich bin schuld. Ich wollte das alles nicht…

Immerhin haben sie mich gewarnt. Sie organisieren sich. Sie haben ein kollektives Bewusstsein aufgebaut. Sagt ihnen der Begriff Hive Mind etwas? Es sind verdammte mutierte Klone, und sie haben schon im ganzen Haus Eier gelegt, sie sind mir entwischt, das tote Treppenhaus ist bestimmt schon voll von ihnen. Am Besten, das ganze Haus wird komplett abgerissen, oder ausgeräuchert, was weiss ich. Vielleicht bringt das noch was. Wenn es schnell genug geht. Ansonsten werden sie uns mit ihrer schieren Masse erschlagen, das haben sie mir verraten. Sie sagten, ich solle weit weg von den großen Städten versuchen, zu überleben. Dort würden sie nämlich ihr leichtestes Spiel haben, nur ein wenig die Infrastruktur überlasten und die Menschen würden sich gegenseitig an die Gurgel gehen. Verstehen sie jetzt, wie dringend es ist?!“

Der Polizist schien unbeeindruckt, steckte den Schreibblock wieder in die Tasche und öffnete den Knopf des Handschellentäschchens an seinem Gürtel. „Wir bringen Sie jetzt wirklich besser gleich zu Bonnies Ranch, Herr Cäsar, spart auch ‘ne Menge Papierkram, wenn‘s Recht ist. Gut, dass Sie ihre Tasche schon gepackt haben. Und um die Heuschrecken brauchen Sie sich keine Sorgen mehr machen, um die kümmern wir uns schon!“

„Es sind Stabschrecken, so indische. Werden Sie schon noch sehen.“ Sagte er matt und liess sich umstandslos mitnehmen. Vielleicht war er da draussen wirklich sicherer.

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2 Kommentare

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2 Antworten zu “Schrecken

  1. Gute Story. Paranoia oder eine Vision, fragt man sich.
    Drogen oder Hellsichtigkeit. Und ausgerechnet Heuschrecken…

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